Die Himmel erzählen die Ehre Gottes. (Psalm 19,2)

Kantor Richard Schiffner zum 125. Geburtstag

Von allen Kantoren und Organisten, die in Großschönau Dienst taten, war Richard Schiffner der bedeutendste wegen seiner herausragenden Leistungen als Organist und Komponist mit überregionaler Ausstrahlung Deshalb soll an dieser Stelle an ihn erinnert werden.

Richard Schiffner wurde am 12. August 1889 in Großschönau geboren. Das elterliche Haus, in dem er seine Kinder- und Jugendzeit sowie die späteren Lebensjahre verbrachte, befindet sich in der Theodor-Haebler-Straße (Nr.36). Nach dem Besuch der Volksschule in Großschönau ermöglichten ihm seine Eltern 1904 den Eintritt in das Lehrersemiinar in Löbau. Schon frühzeitg regte sich sein Interesse für Musik. Den ersten Klavierunterricht erteilte ihm der Kgl. Musikdirektor Hermann Wenzel, Großschönau, der als Chorleiter und Komponist von Klaviermusik hervorgetreten war. In die Zeit seines Lehrerstudiums fallen seine ersten Kompositionen für Klavier. Nach Abschluß der Ausbildung am Lehrerseminar Löbau war Schiffner kurzzeitig als Lehrer in verschiedenen Orten der Oberlausitz tätig. Aus der Seminarzeit rührt auch seine Freundschaft mit dem Oberlausitzer Schriftsteller Oskar Schwär her. Mit der Erzählung „Bach in Mummelswalde“ setzte Schwär Schiffner später ein literarisches Denkmal, jedenfalls passt die Beschreibung haargenau auf Richard Schiffner.

 

 

1913 unterbrach Schiffner seine Tätigkeit als Lehrer, um am Landeskonservatorium zu Leipzig das Studium der Musik in den Fächern Orgel- und Klavierspiel sowie Komposition aufzunehmen. Seine Lehrer waren Thomasorganist Prof. Dr. Karl Straube, der „deutsche Organistenmacher des 20. Jahrhunderts“, Prof. Adolf Ruthardt im Fach Klavier und Prof. Stephan Krehl im Fach Komposition. Schiffners Leistungen beurteilte Prof. Straube im Abschlusszeugnis: “Herr Schiffner ist ein ungemein fleißiger, ernst strebender Schüler, der als Orgelspieler über eine große virtuose Technik verfügt, die ihn befähigt, die Orgelkompositionen der alten wie der neuen Meister restlos, in glänzender Weise zur Darstellung zu bringen.“

Während des Studiums in Leipzig festigten sich freundschaftliche Verbindungen zu Kommilitonen und Kollegen seines Fachs, z.B. zum späteren Kreuzkantor Prof. Rudolf Mauersberger oder zu dem Komponisten Paul Geilsdorf. Ab 1916 erfolgte der Orgelunterricht bei Straube extern in den Abendstunden. Wie auch andere Straube-Schüler berichteten, ergaben sich nach dem Unterricht oft lange interessante Gespräche Straubes über Musikgeschichtliche, literarische oder philosophische Themen mit seinen Studenten Schiffner war von der Breite und Tiefe der geistigen Interessen Straubes beeindruckt, von seinem Lehrer Karl Straube sprach er immer voller Hochachtung.

Seinen Fähigkeiten entsprechend hätte Richard Schiffner ein aussichtsreicher Bewerber um bedeutende Organistenstellen z.B. in Berlin, Leipzig oder Dresden sein können. Die wirtschaftliche Unsicherheit der Nachkriegszeit ließen ihn auf die schlechter dotierten Organistenstellen verzichten und als Lehrer-Kantor in den Schuldienst eintreten. So war er zuerst 1920 bis 1934 in Schwarzenberg /Erzgebirge tätig Er begann eine ausgedehnte Tätigkeit als Konzertorganist , wiederholt konzertierte er erfolgreich in Chemnitz, Leipzig und Dresden (Frauenkirche und Kreuzkirche). Anfang der 30er Jahre sendete der Rundfunk in Deutschland (Sender Stuttgart, München und der MDR) Orgelkompositionen von ihm, die in der Tages- und Fachpresse zustimmende und lobende Kritiken erhielten.

Richard Schiffner heiratete 1925, aus seiner Ehe gingen zwei Töchter hervor. Bei allen Erfolgen zog es Richard Schiffner doch immer in seine Oberlausitzer Heimat zurück. Seinem Heimatort war er eng verbunden und die Urlaubszeit verbrachte er meist in der Heimat. 1934 kehrte Richard Schiffner dann nach Großschönau zurück. Die Jahre bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs waren ausgefüllt mit Schul- und Kantorendienst, Musikunterricht und einer regen Konzerttätigkeit. Das war wohl seine erfolgreichste und erfüllteste Zeit.

Der Krieg und der Untergang des Dritten Reiches hatten massive Auwirkungen auf sein persönliches Leben, Beschränkungen und Entbehrungen traten ein und nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst 1945 verschärfte sich seine wirtschaftliche Lage. Dennoch arbeitete er in den Nachkriegsjahren unentwegt weiter. Höhepunkte waren u.a. die von ihm organisierten Konzerte des Dresdner Kreuzchors unter Prof. Mauersberger und des Thomanerchores unter Prof Günther Ramin Ende der vierziger Jahre in der Großschönauer Kirche.

1949 folgte die Aufführung von Joseph Haydns „Die Schöpfung“ gemeinsam mit dem Bach-Verein Seifhennersdorf unter seiner Leitung in Großschönau. Im Bach-Jahr 1950 folgten Orgelkonzerte in Großschönau und auswärts. Besuche von Freunden, Kollegen und Bekannten brachten Abwechslung und manche Anregung.

1955 ergab sich durch die Komposition und Übersendung der „Fantasie über a-es-c-h, die Anfangsbuchstaben des namens Albert Schweitzer“ eine persönliche Verbindung zu dem von ihm hochverehrten Urwaldarzt. Schweitzer schrieb nach Empfang des Manuskripts au Lambarene: „Lieber Herr Schiffner! Tausend Dank für die so orgelmäßige und interessante Komposition, die ich soeben, zunächst nur mit den Augen, kennenlernen durfte. Ich freue mich darauf, sie auch mit den Ohren zu erfassen und zu würdigen. Mit besten Grüßen Ihr ergebener Albert Schweitzer.“

Die Porträtpostkarte Schweitzers erhielt unter Glas einen besonderen Platz über seinem Schreibtisch in der kleinen Komponierstube. Diese war recht bemerkenswert, denn sie erzählte viel über Schiffners musikalischen Ideale. Da war die bekannte Bach-Büste nach Carl Seffner und an der Wand das große Gemälde mit der Darstellung „Liszt spielt Wagner vor“ sowie ein Porträt Max Regers.

In den letzten Lebensjahren habe ich Richard Schiffner oft besucht, seit meiner Oberschulzeit war ich mit ihm befreundet. Als ich Student in Greifwald war, gab es in den Semensterferien immer viel von den Greifswalder Bach-Wochen zu erzählen. Richard Schiffner hat mir aus Altersgründen nie Unterricht erteilt, jedoch konnte ich ihm durch Vorspielen neu eingeübter Stücke manche Freude machen. An musikalischen Dingen war Schiffner stets interessiert, obwohl er wohl die letzen Jahre sehr zurückgezogen lebte. Seine späten Lebensjahre waren nie sorgenfrei. Die lange, schwere Krankheit und der vorzeitige Tod der jüngeren Tochter sowie eigene gesundheitliche Problame machten ihm sehr zu schaffen.

Mit vielen Sängern und Sängerinnen des Kirchenchors verband ihn eine herzliche Freundschaft. Chorfeiern und Ausflüge mit dem Chor brachten manche heitere Stunde. Auch die Geburt seiner Enkel waren Lichtstrahlen im Alltag seiner späten Jahre. In Selbstlosigkeit und Bescheidenheit versah er seinen Dienst als Kantor der ev.-lutherischen Kirchgemeinde Großschönau bis ins hohe Alter von 81 Jahren.

Richard Schiffner starb im Februar 1976 und wurde auf dem Alten Friedhof zu Großschönau beerdigt. Die Zahl derer, die ihn persönlich gekannt haben, wird immer kleiner.

Wie hat er Orgel gespielt? Sein Auftreten als Interpret und Komponist fällt gerade in Zeit des Umbruchs von der musikalischen Spätromantik zur „neuen Sachlichkeit“, d.h. der Abkehr von allem Romantischen. Schiffner hielt zeitlebens an den musikalischen Idealen, die er im Studium bei Straube befestigt hatte, fest. Als ich ihn kennenlernte, hatte er das konzertante Orgelspiel längst aufgegeben, sein liturgisches Orgelspiel ließ aber seine früheren Leistungen ahnen. Typisch für sein Spiel waren der häufige Gebrauch der Walze und des Schwellers , raffinierte Manualwechsel und vielfältige Klangschattierungen. So spielte Richard Schiffner gewissermaßen im „alten Stil“, auch auf der „orgelbewegten“ Schuster-Orgel. 1971 schrieb Dietrich Knothe über Günther Ramins Orgelspiel (Begleittext zur Schallplatte): „Eine gewisse derb zupackende, rhapsodische Art im Forte zu spielen- und auf der anderen Seite größte Delikatesse, ja Versenkung im Piano, machten Regers komplizierte Verflechtungen transparent und damit plausibel. Natürlich trug dazu die herrliche Sauer-Orgel (der Leipziger Thomaskirche) entscheidend bei – ein romantisches Orgelwerk“ voller Kraft, Zartheit und Geschmeidigkeit.“. Ähnlich es wird von Schiffners Spiel zu sagen sein.

 

Auch als Komponist machte er die Stilwende nicht mit und komponierte eher klassizistisch, in der Reger-Nachfolge. Seine fünf großen Orgelstücke sind wohl das Wertvollste. „Kenner und Liebhaber von dergleichen Arbeit“ (Bach im Vorwort zu seiner „Clavier-Uebung Dritter Theil“) entdecken in ihnen die strenge Linearität und Schiffners Vorliebe für die anspruchsvollen Foren von Kanon und Fuge. Die vielen Änderungen in den Handexemplare zeigen, wie er „in tiefem Nachsinnen“ nach der besten kompositiorischen Lösung gesucht hat.

Druckausgaben erschienen bei dem Leipziger Verlag Leuckart, der leider 1943 bei der verheerenden Bombardierung Leipzigs vernichtet wurde. In seinem zweibändigen Standardwerk „Geschichte des Orgelspiels und der Orgelkomposition“ (1935) reicht Gotthold Frotscher Schiffner unter die „jüngeren Zeitgenossen Regers“ ein, die besonders die traditionellen Formen Präludium, Toccata und Fuge pflegten, und hebt die „Vorherrschaft motivischer Kanonik oder virtuoser Figuraltoccatik“ bei Schiffner hervor. Auch in anderen Fachbüchern wird Schiffner berücksichtigt, ebenso in Franziskus Naglers Erzählbuch „Das klingende Land“.

Weitere Kompositionen Schiffners sind für gemischten Chor, Sologesang mit Klavier oder Klavier bestimmt. Die Zeit schreitet voran, Musikstil und -geschmack ändern sich. Die Musikkultur und die Hörgewohnheiten haben sich grundlegend gewandelt Musik aller Genres ist heute überall und jederzeit durch die neuen Medien verfügbar, das bietet große Chancen, Neues und weniger Bekanntes kennenzulernen aber auch die Gefahr der Beliebigkeit und Oberflächlichkeit. Der heutige Musikhörer hat Zugang zu einem unüberschaubaren musikalischen Erbe.

Schiffners Orgelwerke sind nicht leicht zu spielen – und zu hören. Der Hörgewinn erschöpft sich nicht allein in der einfachen akustischen Wahrnehmung, interessant ist dabei gleichzeitg die Verfolgung der inneren Sruktur und Ordnung seiner Kompositionen. Für „Kenner und Liebhaber von dergleichen Arbeit“ ist das genauso fazinierend wie das Studium eines eleganten mathematischen Beweises oder die eingehende Betrachtung eines meisterhaften Gemäldes. Die Qualität von Schiffners musikalischem Nachlaß läßt hoffen, dass er in späterer Zeit nicht ganz vergessen wird.

 

Gerd Brandler