Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen. (Jesaja 60,18)


Wider die falschen Alternativen

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis - 10.7.2022 - zu Joh 8,1-11
von Pfr. Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
manchmal geschieht es, dass eine Geschichte auf ganz unerwartete Weise zu einem spricht. So ging es mir mit der Geschichte von Jesus und der Sünderin. Mit Blick auf die Ereignisse unserer Tage gelesen ist das eine Aufrüstungsgeschichte ebenso wie "Abrüstungsgeschichte"(H.Luther). Aufgerüstet wird in dieser Geschichte moralisch, theo­logisch und dann auch durch den sozialen/gesellschaftlichen Druck. Abgerüstet wird auf ganz unerwartete Weise. Hören wir hin (Joh.8,1–11):
   Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
schon die Einleitung ist aufschlussreich. Vor meinem innerlichen Auge hat diese Geschichte immer in einer Seitengasse oder einem Hof stattgefunden, aber das Bild ist bedeutend größer! All das findet im Tempel statt, wohin alles Volk kam, also vor sehr vielen Menschen. Und eben im Tempel als dem Ort, an dem zu Gott gebetet und Gottes Wort gelehrt wird. Jesus setzt sich und alles Volk kommt, um ihn zu hören. Und unfreiwillig wird dieses viele Volk dann zum Zeugen der Geschichte, bildet die Kulisse, ja die Arena, in der der Kampf der Meinungen gleich über Leben und Tod entscheiden wird.
  „Wie unterschiedlich mögen die Menschen gewesen sein: Alte und Junge, Frauen und Männer, Gebildete und einfache Leute, Einheimische und Weitgereiste; Menschen, die sich in der Heiligen Schrift auskannten genauso wie Zaungäste des religiösen Betriebs. In Ihnen allen sieht Jesus Ebenbilder Gottes. Menschen, die trotz aller Lebensbrüche von Gott eingeladen sind.“(2, S.90f) Menschen, die sich in all ihren Lebensnöten danach sehnen aufgerichtet und geheilt zu werden.
   Und dann betreten die Schriftgelehrten und Pharisäer die Szene. Mit ihrem Ansinnen, Jesus im Tempel zu verklagen, machen sie aus dem Ort der Gottesbegegnung eine Arena des Urteils. Sie suchen nicht das Gute, sie wollen die Schwäche Jesu für die Menschen ausnutzen.
   Und sie haben schon etwas gefunden: eine Frau, auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt. „(Wo ist eigentlich der Mann?) Sie zerren sie vor Jesus und stellen sie in die Mitte.“(2 S.91) Die barmherzige Haltung Jesu und die hartherzige Haltung der Pharisäer stehen sich nun gegenüber. Es könnte ein Spiel sein, ginge es nicht um Leben und Tod. Wenn es nach den Pharisäern geht, dann stirbt hier mindestens einer: entweder stirbt die Sünderin, weil Jesus das Urteil bestätigt - dann stirbt aber zugleich seine Botschaft vom barmherzigen Gott. Oder: die Ehebrecherin darf leben, weil Jesus Vergebung ermöglicht, dann aber muss er selbst sterben, weil er sich über das Gottesgesetz stellt. Der Stein fliegt also längst schon, es ist nur die Frage, wen er trifft! Trifft der Stein die Frau nicht, dann trifft er Jesus.
   „Mose hat uns geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?“ Als hätte jemand einen riesigen Gong geschlagen, so steht diese Frage im Raum. Was sagst du dazu? Hier wird moralisch und theologisch aufgerüstet.(1 S.35) Hier wird sozialer Druck aufgebaut: Wo kämen wir hin, wenn jeder so gegen das Gesetz handelte wie diese Frau? Das Volk, das in den Tempel kam, um Gott zu dienen, ist nun zum Publikum, ja zur Jury in einer Frage auf Leben und Tod geworden. „Was sagst du nun dazu?“(2, 3) Wir könnten das in einer ruhigen Minute einmal durchspielen, was wir gesagt hätten. Ob wir die Frau oder das Gesetz verteidigt und in Schutz genommen hätten. Doch auf welche Seite wir uns auch stellen, unser Urteil wäre stets ungerecht, weil die Fürsprache für eine Seite sofort der anderen schadet. Ein "Spagat" ist nicht möglich, so wie der ukrainische Präsident unseren Bundes­kanzler vor einem Spagat zwischen Kiew und Russland gewarnt hat.(4) (Warum sprach er eigentlich von „Russland“ und nicht von „Moskau“?) Ist da nicht sofort klar, auf wessen Seite wir uns stellen müssen? Doch auch hier gilt: Fürsprache für nur eine Seite, schadet sofort der anderen!
   „Was sagst du nun dazu?“ Jesus antwortet nicht. Er schreibt in den Sand. Jesus entzieht sich den Fragern. Und das möchte ich mir von ihm abschauen: Mich nicht unter Druck setzen lassen; Zeit anhalten und nachdenken, bevor ich Stellung nehme. Und was tut Jesus? Er nimmt die Alternative, die man ihm vorlegt, nicht an!(3 S.62) Gültigkeit des Gesetzes und Barmherzigkeit dürfen nicht zu Gegensätzen werden, die sich ausschließen. Wie das wohl politisch aussähe, die Alternative zwischen Kiew und Moskau nicht anzunehmen, ja zu verweigern?
   „Was sagst du nun dazu?“ Jesus schreibt in den Sand. Jesus sieht einerseits die Frau. „Sie ist schuldig, und diese Schuld verharmlost er nicht, redet die Schuld nicht klein,“(2, S.92) kehrt sie nicht unter den Teppich moderner Lebens­ansichten. Und Jesus sieht die Pharisäer, die äußerlich im Recht sind und die doch das Gesetz, das gegeben wurde um dem Leben zu dienen, benutzen um den Tod zu bewirken. Jesus nimmt die Alternative nicht an! Er schaut der Frau und den Pharisäern ins Gesicht und sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“
  
Und nun kommt eine Wendung in diese Geschichte. In der Mitte der moralischen Arena steht nun plötzlich nicht mehr die Frau, sondern da stehen die Schrift­gelehrten und Pharisäer. Das viele Volk wird nun genau beobachten, wer den ersten Stein wirft, und hier, wo man sich kennt, wird es immer jemanden geben, der von einer Schuld des Werfers weiß; der weiß, dass hier alle was auf dem Kerbholz haben. Auf einmal ist ihr eigener Lebenswandel im Blick, auch ihr eigenes Scheitern.
   Und so kommt zugleich in den Anklägern etwas in Gang. Jesus setzt sie zwar einerseits derselben Sozialkontrolle aus, der sie die Frau ausgesetzt haben; Jesus ermöglicht andererseits Einsicht in die eigene Schuld und damit Änderung.(1, S.35) Wäre das nicht auch eine Frage an Kiew und Moskau? Wer von euch ist ohne Schuld an und in diesem Krieg? Und mehr noch: wären nicht wir aus der Zuschauer­rolle genommen und mit gefragt, nach unserem Anteil am Konflikt? Würde diese Frage, wer ohne Schuld ist, nicht wieder die Aufmerksamkeit weg von Gebietsgewinnen lenken und hin zu den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten? In Alternativen zu denken, ist hier wie dort falsch!
   Der einzige, der einen Stein werfen könnte, ist Jesus selbst.(1, S.35) Aber auch er tut es nicht: Hat dich niemand verdammt? So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“ So wird aus einer Arena wieder der Tempel: nämlich der „Treffpunkt von Wahrheit und Liebe, wo Sünde aufgedeckt wird…, aber in Liebe ver­geben wird. Wo das Gesetz seine Gültigkeit behält,“ und doch die Barm­herzigkeit zum Zuge kommt. „Menschen, die Gott Recht geben, werden seine Gnade empfangen.“(2, S.93) Am Ende ist diese Geschichte eine Abrüstungs­ge­schichte, die ein neues Leben ermöglicht, wo Beziehungen – auch die zu Gott – wieder geheilt werden: „So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“
   Wenn nun vor Gott Abrüstung möglich ist, dann auch in menschlichen Konflikten! Und solche Abrüstung Gottes gegenüber uns und untereinander beginnt mit dem Satz: „So verdamme ich dich nun auch nicht!“
   Amen.

Verwendete Literatur:
(1) Vgl. Henning Luther, Eine Abrüstungsgeschichte. Johhannes 8,1-11, in: Frech achtet die Liebe das Kleine. Biblische Texte in Szene setzen. Spätmodern predigen, S. 32-36. (2) Axel Kühner, Richten unn Verzeihen, in: Ders., Leben über sich selbst hinaus. Impulse für einen befreiten Glauben, S. 90-93. (3) Klaus von Mering, Entwaffnende Liebe. 4. Sonntag nach Trinitatis. Joh 8,3-11, in: Ders. Hausputz für die Seele. Lebensfunken aus der Bibel, S. 55-62. (4) https://web.de/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/selenskyj-warnt-scholz-spagat-ukraine-russland-37017242 (Abrufdatum 10.7.2022, 22.40 Uhr)

Ev.-Luth. Kirchgemeinde Großschönau 
Hauptstr. 55
02779 Großschönau
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Pfarrer Gerd Krumbiegel
Tel. 035841/ 67716

Pfarrerin Christin Jäger
Tel.: 0162 573 9970
Mail: Christin.Jaeger@evlks.de
Sprechzeit: montags 14.00-15.00 Uhr
in Hainewalde auf der Bergstraße 27
 
Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
Hainewalde, Bergstr. 27: Montag 15.00 – 17.00 Uhr
Hörnitz, Zittauer Str. 12: Dienstag 16.00 – 18.00 Uhr
Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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