Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2,11.13)


Was ich bin, wirst du sein.

Andacht am Ostermorgen auf dem Friedhof zu Markus 16,1-8
von Pfarrer Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
auf einmal ist alles anders. Die trauernden Frauen hatten sich vorgenommen, den Leichnam Jesu zu salben, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Was ihre Gedanken bestimmt, das ist der schwere Stein und das nicht-Wissen, wie er weggerollt werden soll: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Dabei weiß ich gar nicht, was schwerer sein wird, das körperlich Schwere, also das Wegwälzen eines Steines, oder das seelisch Schwere, wenn es heißt, den Menschen, mit dem man wertvolle Momente und Jahre geteilt hat, anzurüh­ren und zu erschrecken vor der Kälte des einst warmen Körpers. - Doch der nächste Schritt ist immer der schwerste, darum die Frage: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“

   Doch auf einmal ist alles anders: Der Stein ist weggerollt und das Grab finden sie leer. Stattdessen sitzt ein Jüngling im weißen Gewand da. „Und sie entsetzten sich.“ Nur zu verständlich diese Reaktion! Noch größer als das Entsetzen über den Tod eines nahestehenden Menschen ist das Erschrecken, wenn der Gestorbene nicht mehr da und das Grab leer ist, wenn die Trauer keinen Ort mehr hat. Für vieles in der Trauer gibt es Rituale, aber für das Verschwinden eines Toten?
   Der Engel beruhigt: „Entsetzt euch nicht!“ und er erklärt in kurzen Sätzen, was geschehen und wo Jesus ist: „Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Nicht der Gekreuzigte soll Ziel ihrer Suche sein, sondern der Auferstandene. Nicht Jesus, wie sie ihn kannten, sondern Jesus, wie sie ihn noch nicht kennen. „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa.“
   Es ist zunächst gar nicht klar, ob die Frauen wirklich hören, was da gesagt wurde, oder ob das leere Grab viel stärker gesprochen hat. Und so als hätte der Engel nie gesagt: „Entsetzt euch nicht!“ heißt es kurz danach: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“
   Was hätten die Frauen auch sagen sollen? Wer hätte ihnen geglaubt? Und dennoch hat die Begegnung mit dem Engel, dennoch haben seine Worte etwas ausgelöst. In den Frauen arbeitet es weiter; erst nach und nach setzt sich die Botschaft gegen das Bild des leeren Grabes durch. Draußen bricht der Morgen an und so allmählich, wie die ersten zaghaften Strahlen der Sonne das Dunkel sachte beiseiteschieben, so dämmert es allmählich den Frauen, was der Inhalt der Worte bedeutet. „Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“
   Irgendwann müssen sie ihr Schweigen gebrochen haben, irgendwann werden sie es nicht mehr ausgehalten haben; und dann werden auch sie auf Unglauben gestoßen sein, und sich wieder gefragt haben: wer wälzt uns den Stein des Unglaubens von der Herzenstür der Jünger?
   Und dieser Stein läge dort noch immer, wenn das Grab nicht leer geblieben wäre; und dieser Stein läge dort noch immer, wenn Jesus ihnen nicht selbst begegnet wäre.
   Der Auftrag blieb der Gleiche: „Sagt seinen Jüngern, dass er vor euch hingeht nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen.“ - Kurz gesagt: Wo er nicht ist, sollt ihr nicht bleiben. Doch wo er ist, da geht hin.

Ähnlich kurze Sätze kann man auf dem Hainewalder Kirchhof entdecken. Nimmt man nicht den Eingang vor der Kirchentür und auch nicht den am Hospital, sondern den auf der Rückseite der Kirche, so steht man da vor zwei verwitterten Sandsteinsäulen, die das Holztor halten; ein Tor, an dem der Zahn der Zeit sichtbar genagt hat. Auf jedem der beiden Säulen-Kapitelle sind Worte heraus­gemeißelt. In Lateinischer Sprache steht da an der einen Säule: „Fui quod es“ und auf der anderen: „Eris quod sum.“ Übersetzt man diese Worte – natürlich nicht aus dem Stand, weil das Latein mindestens so eingerostet ist wie die Angeln dieser Tore, sondern übersetzt man mithilfe der modernen Technik und ein paar Wischern übers Smartphone, so steht da folgende Botschaft: „Ich war, was du bist.“ – und auf der anderen Seite: „Du wirst sein, was ich bin.“ Ich brauche einen Moment, um das für mich zu erfassen, wer spricht das zu wem? Wenn das außen an den Säulen steht, dann gilt das Geschriebene offenbar dem, der im Begriff ist, auf den Friedhof zu gehen. Und es reden anscheinend die, die immer schon hier sind, die Toten: Also steht da „Ich, der Tote war, was, du Lebender jetzt noch bist. – Und du, Lebender, wirst sein, was ich als Toter schon bin.“
   Das also soll meine, soll unsere Zukunft sein? „Du wirst sein, was ich bin?“ Als ob die Toten uns nicht nur zeitlich voraus wären, sondern uns sogar überlegen. „Du wirst sein, was ich bin!“
  Und heute? Heute ist Ostern. Da gibt es keine Grabesstimme und wenn, dann nur die Stimme eines leeren Grabes, also eines Grabes, das seiner Funktion beraubt und damit im eigentlichen Sinne kein Grab mehr ist.
  
Wie anders lautet doch die Botschaft des Engels aus dem leeren Grab: „Wo er nicht ist, braucht ihr nicht bleiben. Doch wo er ist, da geht hin.“
  Eben noch war ich drauf und dran, Hammer und Meißel auspacken, um den Hainewäldern einen echten Auferstehungsvers in den Stein zu graben, da stutze ich: Was wäre, wenn die Worte auf den Kapitellen einen anderen Absender hätten? Was wenn hier nicht die Toten, sondern der Auferstandene spricht? Dann hieße das:
   „Ich, Jesus, war, was du bist – ein Mensch mit Todesangst.“ „Doch du wirst sein, was ich, Christus, schon bin, nämlich nicht tot, sondern lebendig.“ Ostern ändert alles, da wird aus der Nachricht der Toten die Botschaft des Lebendigen: „Du Menschenkind wirst sein, was ich, Christus, bin. Denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Mit der Botschaft des Engels gesagt: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern, dass er vor euch hingehen wird, dort werdet ihr ihn sehen.“ Das ist Ostern, dem Lebendigen folgen auf dem Weg zum Leben. Darum: „Wo er ist, da geht hin.“
   Amen.

Verwendete Literatur: Stephan Goldschmidt, Die Seele zum Klingen bringen. Andachten und Impulse zu den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres. Zur Predigtreihe IV, S. 83. Gerhard Sauter, Markus 16,1-8, in: Rudolf Landau, Christ ist erstanden. Predigten und Bilder zu Passion und Ostern, S. 133-138. Hansfrieder Zumkehr, Was wir sind, das werdet ihr, in: Christian Schwarz (Hg), Gottesdienstpraxis Ostern, S. 47-48.

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Sprechzeit: montags 14.00-15.00 Uhr
in Hainewalde auf der Bergstraße 27
 
Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
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Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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