Freu dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt. (Prediger 7,14)


Eine vergessene Weihnachtsgeschichte

Predigt am 25.12.2022 über Matthäus 1,1-17 in der Kirche Hörnitz
von Pfr. Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
es ist Weihnachtsmorgen. In der Stube riecht es noch nach Beisammensein und Feier. Die Aufregung des gestrigen Tages hängt zwischen den wenigen Schnipseln Geschenk­papier, die unbemerkt unter dem Tannen­baum überdauert haben. Man öffnet das Fenster und eine fast frühlingshafte Brise weht herein, draußen ist es ruhig.
  Da fällt der Blick auf einen Weihnachtsbrief, der gestern ungeöffnet liegen blieb. Nach den üblichen Wünschen zum Fest folgt eine Weihnachts­geschichte wie sie merkwürdiger nicht sein könnte. Ohne sofort zu lesen springen wir mit den Augen ans Ende der Geschichte um zu sehen, wer denn der Verfasser ist. Wir leben ja in einer Zeit, wo man nicht mehr jede Geschichte lesen kann, da kommt es schon auch auf die Qualität der Quelle an. Und dort steht: "Evangelium nach Matthäus Kapitel 1."
   Dann lohnt es sich also doch zu lesen was da steht, unabhängig vom ersten Eindruck. Wir setzen uns aufs Sofa, atmen einmal durch und lesen:

1 Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. 2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. 5 Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. 6 Isai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abija. Abija zeugte Asa. 8 Asa zeugte Joschafat. Joschafat zeugte Joram. Joram zeugte Usija. 9 Usija zeugte Jotam. Jotam zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. 12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Schealtiël. Schealtiël zeugte Serubbabel. 13 Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Azor. 14 Azor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. 17 Alle Geschlechter von Abraham bis zu David sind vierzehn Geschlechter. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Geschlechter. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Geschlechter.

Liebe Gemeinde,
das ist schon eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art. Stammbäume halten wir ja eher für das Steckenpferd von ein paar wenigen, manchmal etwas selbstbedachten Forschern der eigenen Familiengeschichte. Außerdem erzeugt diese lange Aufzählung ein Rauschen der Namen und Daten, dass man beim Zuhören bald abschaltet. Was soll das? – Und doch stellt der Evangelist Matthäus eben diesen Stammbaum genau an den Anfang seines Evangeliums und das in einer Zeit, als die Bücher noch Schriftrollen waren. Man konnte den Stammbaum also nicht einfach überblättern um danach das „Eigentliche“ zu lesen, nein, der Stammbaum ist das Eigentliche, er muss das Interesse der damaligen Leser so gefesselt haben, dass viele das Evangelium nicht mehr aus der Hand gelegt haben. Also: Was ist so spannend an diesem Stammbaum?
  Ich möchte mit einer allgemeinen Beobachtung beginnen: Wir alle haben ja einen Stammbaum, egal, ob wir ihn auf Postergröße im Wohnzimmer hängen haben, oder ob schon nach der Generation der Urgroßeltern die Vergangenheit ins Dunkel taucht. Stammbäume lehren uns Demut. Es waren bereits unzählige Generationen vor uns da (und – sofern Christus nicht vorher wiederkommt – werden entgegen der selbsternannten „letzten Generation“ noch etliche weitere folgen). Es ist im Wesentlichen das Verdienst unserer Vorgänger, dass wir heute da stehen, wo wir stehen, im Negativen wie im Positiven. Jemand hat einmal gesagt, wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen und nur deshalb weiter sehen. Der Riese ist in diesem Fall die Generationenfolge vor uns. Wieviele Menschen vor uns haben geliebt, gekämpft, gelitten, gesiegt, verloren, niedergerissen und aufgebaut? Das lehrt uns Demut. Und das würde uns auch von unserer politischen Kurzatmigkeit befreien, in der wir meinen, nur heute und nur durch uns wären die drängenden Probleme zu lösen. Beim Blick auf so einen Stammbaum lernen wir, dass wir nur eine Momentauf­nahme im Strom der Zeit sind und dass unser Boot diesen Strom nur allzu bald auch wieder verlassen wird. Es liegt etwas Heilsames darin, sich selbst und das eigene Heute nicht für das Ganze zu nehmen.
  Und das lässt sich auch geistlich deuten: Wieviele vor Jesu Geburt haben auf Christus gewartet und ihn nicht gesehen. War ihr Leben deshalb weniger Wert oder gar sinnlos? Nein! Denn sie sind durch das Leben, das ihnen gegeben wurde und das sie durch Zeugung weitergaben, Teil einer Lebens-Kette, durch die Gott zu seiner Zeit an sein Ziel kommt. Das lehrt uns: auch ein Leben ohne außergewöhnliche Gottesbegeg­nungen kann ein Leben sein, das ihm dient und das zu Gott führt; ja, auch und vielleicht gerade ein „stilles“ Leben kann eines sein, das er gebraucht um die Verheißung zu erfüllen.
„Das ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“
 Wenn ein Buch so anfängt, mit einem Stammbaum, dann hat das auch damit zu tun, nachzuweisen, von wem hier gesprochen wird und woher diese Person kommt. Und wenn dann dieser Begriff: „Geschichte“ auftaucht, Griechisch steht hier „Genesis“, also genau der Name, den im Griechischen das erste Buch Mose trägt, dann ahnen wir, warum dieser Anfang spannend ist. Und dann genügen die beiden Namen der Ahnherren Abraham und David, um zu wissen, dass hier etwas gesagt wird über Gottes Verheißung für alle Menschen und für das Volk Israel im Besonderen.
  Wir haben es hier mit nicht weniger als mit Gottes Geschichte zu tun, und die reicht letztlich bis zu jedem von uns. Auch wir stehen in dieser Kette und wir sind ein Teil dieses Weges.
  Dieser Stammbaum erzählt eine Geschichte des Lebens, die zugleich hinein­gewoben ist in die Welt­geschichte: „Abraham zeugte Isaak und Isak zeugte Jakob. Durch die Zeiten. Durch die Generationen. Sie haben in Nomadenzelten und in Königs­palästen gelebt. Sie waren als Asylanten unterwegs und haben fremde Völker unterjocht.“(1 S.42) Sie haben für Gottes Sache gestritten und kläglich versagt, fremden Göttern gedient und sich bekehrt.
  Und Matthäus erkennt in der Geschichte ein Schema: „Alle Glieder von Abraham bis David sind 14 Glieder, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind 14 Glieder, von der babylonischen Gefangen­schaft bis zu Christus sind 14 Glieder.“ Die Zahl 14 hat biblisch gesehen keinen besonderen Symbolwert, wohl aber einen Zahlenwert. Im hebräischen Alphabet steht jeder Buchstabe zugleich für eine Zahl: Alef = 1, Beth = 2 usw. Die Zahl 14 darf als Hinweis auf David verstanden werden. Sein Name – das Hebräische kennt keine Vokale – setzte sich zusammen aus D+W+D also dem Zahlenwert 4+6+4.(2 S.25) Matthäus entdeckt bei seinem Blick zurück eine Ordnung, die darauf hinweist, das Geschichte kein Chaos ist, sondern sich einfügt in Gottes Plan.(1 S.44/3 S.30) Allerdings – und das würde hier zu weit führen – kann Matthäus auch Namen weglassen, um dieses Ziel zu erreichen. So finden sich hier drei Königsnamen nicht, die aufgrund ihrer Abtrünnigkeit von Gott auch als verflucht galten.(3 S.28)
 Zurück zur Zahl 14: Es sind also im Bild gesprochen 4 Pfeiler, die drei große Bögen tragen: Abraham, David, Babylonisches Exil, Christus.(3 S.27)
  Abraham steht für Gottes Verheißung an alle, David steht mit seinem Großreich der 12 Stämme Israels für die Zeit politischer Stärke, das babylonische Exil markiert den Tiefpunkt der Niederlage, Verschleppung und des Niedergangs – für uns vergleichbar mit 1945 –, doch auch dieser Tiefpunkt des Exils gehört zu Gottes Geschichte mit seinem Volk, und von hier aus führen die Generationen dann zu Christus.
„Der Heiland ist in diesen Erfahrungen politischer Macht und Ohnmacht noch nicht auf dem Plan. Er kommt nicht – Gott sei Dank! – zu den Königen auf dem Höhepunkt ihrer Herrschaft. Er kommt aber auch nicht – Gott sei´s geklagt! – wenn es den Menschen, wenn es seinem erwählten Volk abgrundtief elend geht. Er kommt zu seiner Zeit. Er ist nicht gebunden an die Bedürfnisse derer, die ihn zur Bestätigung ihrer Macht oder zur Beseitigung ihrer Ohnmacht benötigen. Er kommt nach seiner Ordnung, an seinem Tag.“(1 S.42f); Gottes Geschichte geht auf uns Menschen ein, ja, aber sein Handeln ist weder an die Weltgeschichte noch an unsere persönliche Geschichte gebunden.
  Die Besonderheit nun an dem Stammbaum Jesu ist auch, dass er an einigen Stellen die Gepflogenheiten der Aufzählung durchbricht. Damals war es üblich, nur die männliche Linie aufzuzählen.(4 S.26)
  Doch gleich zu Anfang hören wir: Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar.
  Und diese Durchbrechung folgt weitere 4x. Nach Tamar werden noch Rahab, Rut, die Frau des Hethiters (also Batseba) und zuletzt Maria genannt.
  Bis auf Maria haben alle Frauen etwas gemeinsam, und zwar ihre ausländische Herkunft, dass sie also nicht aus dem Volk Israel, dem Volk Gottes stammen.(3 S.27) Für uns ein Hinweis, dass Gott seine Geschichte nicht nur mit Kirchenmännern und -frauen schreibt und wir auch wachsam sein möchten, was von außerhalb der Kirchenmauern für Impulse kommen.
  Und diese Frauen, erfahren hier Wertschätzung indem sie in den Stammbaum des Retters Israels integriert sind, und mit ihnen erfahren ebenso die Heiden Wertschätzung erfahren. Ein wichtiges Signal für die Leser aus dem judenfreundlichen Umfeld. Während sich das Volk der Juden von den Heiden fernhielt, ist hier schon im Stammbaum des Retters ein Hinweis, dass Gott sich mit ihm auch den Heiden zuwendet.
 Und die genannten Frauen bringen auch eine Geschichte mit: Tamar, die sich nachdem sie Witwe war und zu Kindern kommen wollte, als Hure verkleidete, um und ihren Schwiegervater verführte (1.Mo.38). Rahab, die berufsmäßig Prostituierte war und die Kundschafter in Jericho versteckte, damit aber zugleich ihr Volk verriet. (Jos.2) Bathseba, deren Name nicht genannt wird, die aber von König David dem Hethiter Uria genommen wird. (2.Sam.11) Nur bei Rut und Maria lässt sich kein skandalöser Hintergrund entdecken. (Allerdings sind wir da den Geschichten der Männer noch gar nicht nachgegangen! Was sich hier anhäufen ließe, würde weitaus dunkler und ausladender sein.) Die Botschaft scheint hier zu sein, dass Gott auch auf ungewöhnlichen, ja auf leidvoll verschlungenen Wegen zum Ziel kommt. „Auch das Abseitige, das menschlich Eigenmächtige und Sündhafte ist in Gottes Heilsplan aufgenommen.“(3 S.28) – Was für uns weniger eine Aufforderung zum Lotterleben sein soll, als vielmehr der Trost für alle, die an Gottes Anspruch in ihrem Leben scheitern.
 Am Ende erscheint die Geburt Jesu als Zielpunkt dieser viele hundert Jahre währenden Geschichte. Doch auch hier wechselt Matthäus die Formulierung so, das deutlich wird, nicht Josef hat gezeugt. (4 S.28f) Mattan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Das ist ein unregelmäßiger Abschluss, der mit der bisherigen Aufzählungsweise bricht. Und hierin leuchtet Gottes Geheimnis auf, da hier nicht an menschliche Zeugung gedacht ist.(3 S.29) Etwas drastischer gesagt: „Es geht darum, und das ist die große Kränkung aller männlicher Potenzfantasien, es geht darum, dass der Heiland der Welt aus einem weiblichen Schoß geboren ist, aber nicht aus männlicher Zeugungskraft stammt. Im Zentrum der Lebensgeschichte steht Gott, da ist der Strom der Zeugungen unterbrochen.“ (1 S.44)
  (Der Evangelist Johannes kann sogar sagen: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.)
  Gedankenversunken lassen wir den Brief mit dieser besonderen Weihnachtsgeschichte sinken. An welcher Stelle wir selbst wohl stehen, in der Geschichte, die nach Christus anhebt? Sicher ist, wir, du und ich mit unserem kleinen Leben, sind wir ein Teil dieses Weges, mehr nicht, aber vor allem: weniger nicht!
  Am Schluss des Matthäusevangeliums spricht Jesus: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Heute ist der 25. Dezember 2022, der erste Christtag des Weihnachtsfestes. Ein Jahr des Herrn. Ein Tag des Heils.
Amen.

Verwendete Literatur:
(1) Manfred Josuttis, Die Geheimnis der Heilsgeschichte, in: Ders: Offene Geheimnisse. Predigten, Gütersloh 1999, S. 41-46. (2) Rudolf Pesch, Die Weihnachtsbotschaft. Die biblischen Weihnachtstexte neu übersetzt und ausgelegt, Stuttgart 2016. (3) Wolfgang Wiefel, Das Evangelium nach Matthäus, ThHK 1, Leipzig 1998. (4) Geza Vermes, Die Geburt jesu. Geschichte und Legende, Darmstadt 2007.

Ev.-Luth. Kirchgemeinde Großschönau 
Hauptstr. 55
02779 Großschönau
Tel: 035841/ 35776
Fax: 035841/ 67715
Email: kg.grossschoenau@evlks.de
Pfarrer Gerd Krumbiegel
Tel. 035841/ 67716

Pfarrerin Christin Jäger
ist bis Dezember in Elternzeit.
Kontakt ist derzeit nur über Mail möglich:
Christin.Jaeger@evlks.de

 
Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
Hainewalde, Bergstr. 27: Montag 15.00 – 17.00 Uhr
Hörnitz, Zittauer Str. 12: Dienstag 16.00 – 18.00 Uhr
Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

Diese Website nutzt Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.