HERR, du siehst es ja, denn du schaust das Elend und den Jammer; es steht in deinen Händen. (Psalm 10,14)


Wer Dampf ablassen will, der soll auch beten

Predigt über 1.Tim. 2,1-6 am Sonntag Rogate 2023
von Pfr. Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
in einer Schulstunde sprach der Lehrer über die 7 Weltwunder. Bis zum nächsten Mal sollten die Schüler aufschreiben, was sie persönlich für die 7 Weltwunder hielten. Die meisten nannten Dinge wie die Pyramiden und die Chinesische Mauer. Ein Mädchen hatte eine etwas andere Liste, die sich so las:
Schmecken können, – Berühren können,
Sehen können, – Hören können,
Laufen können, – Lachen können,
Lieben können
(Autor der Geschichte unbekannt)

Mich beeindruckt an dieser Liste der 7 Weltwunder, dass hier das Staunen über die alltäglichen Wunder wieder geweckt wird. Und unser heutiger Predigttext fügt dieser Liste ein 8. Weltwunder hinzu. Ebenfalls ein Wunder, an das wir uns sehr gewöhnt haben; das bei näherem Betrachten aber umso mehr Staunen lässt:

Paulus schreibt:
So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
  Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Liebe Gemeinde,
hier geht es zunächst und zuallererst um das Gebet. Das Gebet – um bei der Eingangsgeschichte zu bleiben – das Gebet als 8. Weltwunder. Gebet heißt ja: Gott lässt sich von uns Menschen ansprechen und er hört uns. Nicht immer erhört er uns so, wie wir es denken und wünschen, aber er hört uns. Wenn das stimmt, dann gibt es wohl kaum etwas, über das man mehr staunen könnte.
  Dass unser Text aber dann beginnt mit „Ich ermahne euch…“, das macht es uns nicht ganz einfach. Vielleicht ändert sich das, wenn ich Ihnen sage, dass man auch übersetzen kann: „Ich ermuntere euch zum Gebet.“
  Ermunterung zum Gebet ist also nicht nur heute nötig, sondern auch damals schon. Beten hat oft den Ruf, man müsse sehr ernst werden, die Hände in den Schoß legen und sich von aller Welt abwenden. Von solcher Untätigkeit und Weltabwendung hören wir in unserem Text nichts. Im Gegenteil, hier heißt es: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung und wir sind aufgefordert uns jemandem zuzuwenden. Im Griechischen steht hier das Wort für "machen", das voller Tat steckt. Es geht also nicht um weltabgewandte Versenkung, sondern um das Gebet für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit.
 
Hier bleiben wir dann aber zum nächsten Mal hängen. Für die Obrigkeit beten? Wenn wir eine Umfrage in unserer Gemeinde machen würden, wie oft wir für die Obrigkeit beten, wieviele Minuten täglich wären da wohl der Durchschnitt? Wir schimpfen doch eher auf die Regierung, und das geht mir nicht anders. Da werden Entscheidungen getroffen, die wir nicht nachvollziehen können, da nehmen wir Ungerechtigkeit wahr oder zumindest das Leben der Politiker in ihrer Berliner Stadtblase, da machen wir uns Sorgen, welche Konsequenzen all die Entscheidungen haben werden. Und da mache ich mir Luft, indem ich mal Dampf ablasse. Das ist an sich nicht verkehrt, aber geht es mir danach wirklich besser? Ändert das die Tagepolitik? Es gäbe ein einfaches Mittel, hier etwas zu ändern, sogar ohne mir das Schimpfen zu verbieten. Was wäre, wenn ich mindestens so oft für die Regierung beten würde, wie ich schimpfe? Was würde sich ändern, wenn ich mindestens so intensiv für die Politiker beten würde, wie ich ihr Handeln kritisiere? All die negative Energie würde sich wandeln ins Positive, und gerade eine Regierung, in der nur die Hälfte der Minister etwas mit Gott anfangen kann, hat doch unsere Fürbitte nötig.(1) So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
 
In diesem Gebet für die Obrigkeit, geschieht Vieles. Zum Ersten werde ich mir bewusst, ich bete hier für Menschen. Auch Politiker sind und bleiben Menschen, auch mit ihren Fehlern und Großspurigkeiten. Das Gebet hält das Wissen wach, dass sie gegenüber Gott genauso verantwortlich sind wie wir, ja sogar je anvertrauten Befugnissen noch mehr als wir. Sie sind deshalb angewiesen auf dein und mein Beten. Zudem hält das Gebet die Erkenntnis wach, dass die Obrigkeit gegenüber Gott zugleich eine Untrigkeit ist und bleibt (um ein schönes Wort Luthers aufzugreifen: Obrigkeit ist immer auch Untrigkeit).(2)
 
Gebet verändert Situationen und Menschen, es verändert mich, und ja es vermag sogar Gott selbst zu bewegen. Und große Dinge beginnen meist unscheinbar. Die Wende von 1989 wurde fast 10 Jahre zuvor eingeleitet in den Friedensgebeten, zu denen manchmal kaum eine Handvoll Leute kam.(3)
 
Und Anfang der 90er Jahre war das Kloster Volkenroda in Thüringen kaum mehr als eine Ruine. Da gab es keine Hoffnung mehr auf Investition oder gar auf Rettung. "Doch eine Frau, die infolge der Wende ihre Arbeit verlor, erinnerte sich an den Glauben ihrer Jugend und begann in den Trümmern der uralten Klosterkirche zu beten. 20 Jahre später sind die Gebäude restauriert, da strahlt der Christus-Pavillon der Expo dort auf ganz Deutschland aus, da finden Tagungen statt, da wird jeden Tag gebetet, da ist die alte Kirche wieder Gottesdienststätte."(4) Was Gott für die Ruinen eines vergessenen Klosters tun kann, das möchte er auch für deinen Glauben tun, für dein Gottvertrauen, bei dem womöglich durch den Wind des Atheismus nur noch wenige Steine aufeinander geblieben sind. Unsere kirchlichen Gebäude, ja wir selbst, müssen nicht durch Schönheitskuren von außen erneuert werden, sondern müssen durch Gebet, durch lebendige Zwiesprache mit Gott von innen neu werden.
  Und so ganz nebenbei geschieht etwas auf diesem Wege, was noch vor wenigen Jahren als selbstverständlich gegolten hätte, es entsteht nämlich ein Umfeld, in dem wir als Christen leben und wirken können: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
 
Gebet als Beginn der Zuwendung zu den Menschen; Gebet als Wegbereitung für Gottes frohe Botschaft. Aus der Haltung des Gebetes entsteht ein Raum zuerst in mir und dann um mich herum, in dem ich als Christ wirken kann. Denn beim Beten vor Gott bin und werde ich wieder ganz Mensch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das wirkt befreiend. Wer betet, spürt, dass er nicht erst etwas aus sich machen muss, sondern dass er schon etwas ist, nämlich ein von Gott angenommener Mensch.
  Darum schreibt Paulus:
Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und uns Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.
 
Beten macht uns bewusst, dass es eine Brücke zu Gott braucht und dass es diese Brücke zu Gott in Jesus Christus gibt.
"Vor 140 Jahren wurde die Brooklyn-Brücke in New York eingeweiht. Mit 486 Metern war sie die längste Hängebrücke der Welt. Sie verbindet die Stadtteile Brooklyn und Manhattan. An normalen Tagen überqueren auf ihr 100.000 Fahrzeuge den East-River.
Doch ihr Bau forderte einen hohen Tribut. Das Projekt ging auf den Ingenieur John Roebling zurück. Er überzeugte den Stadtrat von der Machbarkeit des gewagten Vorhabens. Bei Vermessungsarbeiten verletzte er sich jedoch, erkrankte an Wundstarrkrampf und starb. Sein Sohn Washington Roebling übernahm die Projektleitung. Mit vollem Engagement beteiligte er sich sogar an Arbeiten in einem Senkkasten unter Wasser. Dabei zog er sich die Taucherkrankheit zu. Lebenslang war er dadurch auf einen Rollstuhl angewiesen. Da er die Arbeiten vor Ort nicht mehr leiten konnte, arbeitete er schließlich seine Frau Emily Roebling in die Materie ein und sie sorgte elf Jahre lang für die Ausführung der Baupläne ihres Mannes. Eine Inschrift an einem Brückenpfeiler ehrt sie mit den Worten: Hinter jedem großen Werk können wir die aufopfernde Hingabe einer Frau finden. [Dieser Satz ist zugleich ein schöner Brückenschlag zum heutigen Muttertag. Klammer zu.] Beim Bau der Brücke verloren dann sogar weitere Menschen ihr Leben insgesamt 27.
Der Einsatz dieser Menschen für die Verbindung zweier Stadtteil ist beeindruckend. Doch gibt es einen anderen Brückenbauer, der eine viel größere Kluft überwinden musste: die Kluft der menschlichen Schuld. Das Wort Sünde stammt von Sund und meint einen Graben oder einen Abgrund"(5), so wie der East River und noch viel breiter. Um diesen Abstand zu Gott zu überwinden, hat Jesus Christus sein Leben gelassen. Jetzt ist die Brücke zu Gott fertiggestellt. Der Preis dafür war hoch, sehr hoch, jeder Mensch ist eingeladen, diese Brücke im Gebet zu betreten um durch Christus in Verbindung mit Gott zu kommen: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.
Amen.

 

Verwendete Literatur:
(1) Johannes : Modeß, Checks, Balances, and Prayers, in: Göttinger Predigtmeditationen, 77. Jahrgang, Heft 2 (261-265), S.261: Als am 8. Dezember 2021 bei der Vereidigung der neuen deutschen Bundesregierung etwa die Hälfte der Minister*innen das Gelöbnis ohne die Gottesformel "So wahr mir Gott helfe" beschloss, löste dies in den sozialen Medien eine spannende Diskussion aus. Die Historikerin Hedwig Richter meinte auf Twitter: "Mir fehlt ja das ´So wahr mir Gott helfe´. Es ist eine Geste der Selbstrelativierung." (2) A.a.O. (3) Christian Führer, Hilft beten? Zur Entstehung des Friedensgebetes, in: frech, fromm, frei. Worte, die Geschichte schrieben. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2. korr. Aufl. 2015, S. 23-25. "Es begann senfkornartig klein. In der Nikolaikirche Leipzig fing der Weg der Verheißung 1981 mit zehn Friedensgebeten zur Einführung der Friedensdekade an, ab 1982 die Intensivierung durch den wöchentlichen Rhythmus, jeden Montag 17.00 Uhr, im Herzen der Großstadt, in immer derselben Kirche." (S. 23). (4) Hans-Hermann Pompe, Nachfolge mit leichtem Gepäck. Eine Einladung zur geistlichen Reise. Neukirchen-Vluyn 2015, S. 175f. (5) Gerrit Alberts, Brückenbauer, in: Leben ist mehr. Impulse für jeden Tag, CLV 2022, Impuls zum 24. Mai 2023.

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Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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