Es ist nicht eins dahingefallen von allen seinen guten Worten, die der HERR geredet hat durch seinen Knecht Mose. (1.Könige 8,56)


Die Spur der Steine

Predigt über 2.Petrus 3,8-13 am Ewigkeitssonntag 2023
von Pfr. Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
ich möchte mit einer Beobachtung beginnen, die Klaus Nagorni gemacht hat. Er beschreibt sie so: „Es war etwas Sonderbares, das mir auf der Wiese im Park aufgefallen war. Beim Näherkommen habe ich festgestellt: Tatsächlich! Das war ein Grabstein! Darauf stand in großen Buchstaben: »I´m still alive!« Ich bin noch am Leben!
   „Später erfuhr ich“, so Nagorni weiter, „ein Künstler hatte den Grabstein aufgestellt. Seine Botschaft lautete wahrschein­lich: »Du, der du vorübergehst, mache dir klar, dass du am Leben bist! Und was es heißt, am Leben zu sein!«“(1)

Heute, am Ewigkeitssonntag gehen wir nicht nur in einen Park, sondern da führt uns der Weg auf den Friedhof. Auch hier stehen wir vor Grabsteinen, die sind allerdings viel realer als uns lieb ist. Hier denken wir an die, die nicht mehr da sind, und von denen wir Abschied nehmen mussten. Wie vielfältig mögen die Gedanken und Fragen sein, die am Grab wach werden? Da kann man sehen, wie jemand innehält, sich auf die Harke stützt, lautlos die Lippen bewegt und etwas erzählt oder betet. Manchmal allein, manchmal zu zweien oder dreien stehen sie an den Gräbern und scheinen für diesen Moment nicht mehr nur im Hier und Heute zu sein. Denn vor Grabsteinen wird die Zeit merkwürdig durchlässig: Vergan­genheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander. Die Erinnerungs­bilder mischen sich mit dem Erlebten von heute und mit der Vorstellung, was einmal sein wird.
   „Dir klar machen, dass du am Leben bist! Und was es heißt, am Leben zu sein!“ Das spielt auch hier eine Rolle. Doch da sind auch andere Gedanken, da ist die Zeit zu spüren, die seit dem Verlust vergangen ist; da empfinden die Zurückbleibenden das eigene Leben nicht nur als Geschenk, sondern als eine Zwischenzeit: „Während es für alle anderen um sie herum weiterzugehen scheint, steht für sie die Zeit still. Man kann nicht weitermachen wie bisher. Vielleicht fühlt man sich so wie ein Herbstblatt im Wind, das trudelt: ein wenig orientierungslos im Wind, scheint zu fallen, sehnt sich nach Ruhe. Man wartet – aber auf was?“(2)
   In so eine Wartesituation hinein spricht unser heutiger Predigttext aus dem 2. Petrusbrief. Dort heißt es:
  Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Umkehr finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden nicht mehr zu finden sein. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann heilig und fromm leben, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und ihm entgegen­eilt. An jenem Tag werden die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.


Liebe Gemeinde,
dieser Text enthält mehr, als wir heute bedenken können. Manche Bilder sind uns fremd, wie das Vergehen der Erde im Feuer. Andere Aussagen sprechen uns unmittelbar an, wie eben das Warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.
   Lassen Sie uns ein paar dieser Spuren folgen.
Am Anfang steht das Warten auf den Tag des Herrn. Jesus, der Auferstandene, hatte ange­kündigt, wiederzu­kommen und die Seinen zu sich zu nehmen. Die Zeit ohne ihn sollte dann vorbei sein und das Leben in Gemeinschaft mit ihm sollte neu beginnen. Doch was sich nach einer baldigen Veränderung anhörte, das wurde zu einem langen Warten; zu einer Zwischenzeit, die nicht enden wollte. Es ging den Christen damals wie den Trauernden heute vor den Grabsteinen: die Perspektive brach weg, das Leben wurde zum Warte­stand. Was sollte man noch hier? Wozu das Ganze? – Petrus nun hebt den Blick auf Gottes Möglichkeiten und findet eine neue Perspektive. Und er erkennt: Leben heißt nicht Warten, bis das Unvermeidliche geschieht; Leben heißt auch nicht alle Trauer zu verdrängen; sondern Leben heißt: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“
   Jemand hat einmal gesagt: „Hoffen heißt nicht, aus dem Heute ins Morgen zu fliehen, sondern hoffen heißt, das Morgen ins Heute zu ziehen.“(3) Petrus ermuntert die Christen damals und uns heute aus dieser Hoffnung zu leben, die Wirklichkeit des neuen Him­mels und der neuen Erde in unser Heute zu ziehen. Doch welche Kraft mag stark genug sein, Gottes Licht in unser graues Heute zu ziehen? Im Grunde sind es zwei Kräfte, die eine ist Gott selbst, der – wie es hier heißt – nicht will, dass jemand verloren werde; die andere Kraft, besser gesagt, der Auslöser damit Gottes Kraft wirken kann, liegt in unserer Hinkehr und in unserem Festhalten an ihm.
   „Ein Feuerwehrmann konnte sich bei der Hochwasserkatastrophe 2021 in Ahrweiler soeben noch auf eine zwei meter hohe Mauer retten. Als diese von der Menge des Wassers ebenfalls überflutet und zum Einsturz ge­bracht wurde, rissen ihn die Wasser­massen mit fort. Die Strömung trieb ihn auf den Friedhof, wo er sich mit letzter Kraft an einem hohen steinernen Grabkreuz festhal­ten konnte. Ganze sechs Stunden klammerte er sich daran, bis er in der Nacht schließlich gefunden und gerettet wurde.“(4)
  
So möchten wir uns im übertragenen Sinne an Jesus Christus festhalten, damit der Tag des Herrn uns nicht wie ein Dieb überrascht und fortreißt; so möchten wir am Kreuz festhalten, an dem Jesus sein Leben für uns eingesetzt hat, damit der Strom der Vergänglichkeit uns nicht fortreißt. Wir möchten uns also bergen bei Gott. Ihm unsere Sehn­sucht und unsere Fragen überlassen, auch das, was wir einander schuldig blieben, eben­so unsern Trennungsschmerz ihm an­zuver­trauen und damit letztlich uns selbst: Hier bin ich, Gott, und warte auf deinen neuen Himmel und deine neue Erde. Wo ich mich verrannt habe, da sprich du mich um Jesu willen gerecht. Dir, Gott vertraue ich auch meine Lieben an, die vorausgegangen sind, während ich zurückbleibe. – Es müssen nicht viele Worte sein; das Herz ist voll von dieser Sehnsucht, dass Gott hört, ich muss nur den Riegel wegschieben.
   Und da stehen wir nun vor den Grabsteinen der Menschen, die uns nahe waren und wichtig. Und da werden die Namen und Zahlen auf den Steinen plötzlich durchlässig für den Chor derer, die da liegen und sagen: Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. 

Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, der bewahre unsere Herzen und Sinne und unsere Verstorbenen in Jesus Christus. Amen.


Verwendete Litaratur:
(1) Klaus Nagorni, Zum Frühstück ein Stück Himmel. Gedanken zum Wachwerden, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2023, S. 105.
(2) Sabine Meister, Mit den Flügeln der Seele. Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag (2023), S. 16.
(3) Lindolfo Weingärter, In Gott kommt unsre Zeit zum Ziel. Gedanken. Gedichte. Gebete, Erlanger Tachenbücher. Band 117, Erlangen 1997, S. 46.
(4) Alexander Strunk, ...meine Verschuldungen sind dir nicht verborgen. Psalm 69,6, in: Leben ist mehr. Impulsefür jeden Tag 2023, Bielefeld 2022, Text zum 15. Juli.

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