Es ist nicht eins dahingefallen von allen seinen guten Worten, die der HERR geredet hat durch seinen Knecht Mose. (1.Könige 8,56)


Betet!

Beten - Sich Gott überlassen
Predigt zum Sonntag Rogate am 5.5.2024 über Mt 6,5-9 in Großschönau und Hainewalde
von Pfr. Gerd Krumbiegel

Liebe Gemeinde,
Hand auf´s Herz, wann haben Sie das letzte Mal gebetet? Und dabei meine ich ein Beten, das über das Tischgebet und über ein Stoßgebet hinausgeht. - Für manchen ist das Gebet ein fester Bestandteil des Tages, andere brauchen zum Beten die Gemeinschaft wie hier im Gottesdienst, und wieder andere haben eine gewisse Scheu davor zu beten. Denn, wie geht das überhaupt? Welche Worte sind angemessen und wofür darf ich beten, wofür nicht?
  Liebe Gemeinde, wir werden heute zum Beten ermutigt und das schon in der Lesung! Bevor Jesus seinen Jüngern das Vaterunser schenkt, da heißt es: „Da sprach einer seiner Jünger zu Jesus: Herr, lehre uns beten!“ (Lk 11,1) Das ist doch bemerkenswert! Wie das mit dem Beten geht, das ist nicht selbstverständlich und selbst die Jünger mussten nachfragen. Wir sind also in guter Gesellschaft, wenn wir unsicher sind und das Gute ist außerdem: Was man lehren kann - "Herr, lehre uns beten!" -, das kann man auch lernen. Beten lässt sich lernen. Und das Gebet ist ein wahres Schatzkästlein, das uns stets reicher zurücklässt, als wir gekommen sind.

Ich lade Sie darum ein, lüften wir ein wenig den Deckel dieses Schatzkästleins und schauen hinein. Der Text, der uns dazu helfen möchte ist ein Wort Jesu aus der Bergpredigt, Mt. 6. Dort heißt es:
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel!

Das erste, was hier gesagt wird, ist möglicherweise nicht mehr unser Problem: Wer von uns steht noch an den Straßenecken, um beim Gebet von den anderen gesehen zu werden und für seine Frömmigkeit Pluspunkte im Ansehen zu sammeln? Jesus, der uns hier das stille Kämmerlein empfiehlt, will mit diesem Hinweis sicherstellen, dass unser Beten das ist, was es sein soll, nämlich ein Geschehen, das den eigenen Blick auf Gott richtet, ohne bedenken zu müssen, was der andere von mir hält. Freilich hat sich das sehr gewandelt. Fast scheint es so, als hätte Jesu Wort dazu geführt, dass das Beten ganz ins Private gewandert ist und dort nun vor lauter Diskretion vor sich hin verkümmert.(1) Wie anders waren da dieses Jahr die Bilder aus Dresden zum Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. Wieviele Muslime haben da öffentlich gebetet und dieser Anblick hat etwas mit mir und mit vielen anderen Betrachtern gemacht.(2) Denn wir Christen schaffen es doch kaum noch, unseren Glauben öffentlich zu leben. Da schauen wir schon vor dem Tischgebet in der Gaststätte verstohlen um uns, ob wir uns das getrauen dürfen. Peter Hahne hat einmal gesagt, ihm macht nicht die Stärke des Islam sorgen, sondern die Schwäche des Christentums.(3) Könnte es sein, dass das Gebet ein Schlüssel dafür ist, Glaubensstärke wiederzuentdecken?
  Und es steckt so viel im Beten. Doch wie anfangen? Für Manchen ist da wie eine Hürde, die erst einmal überwunden werden muss. Woher kommt das? Vielleicht ist Ihnen das auch schon mal so gegangen. Sie nehmen sich ihr Adressbuch vor und suchen eine bestimmte Nummer.(4, S.142) Doch irgendwie kommen Sie aus dem Blättern nicht heraus. Sie bleiben an Namen hängen, Geschichten tauchen auf und Orte, an denen Sie mal gewohnt haben. Und da taucht auch der Name des alten Schulfreundes auf. Da waren wir so dicke miteinander und jetzt haben wir jahrelang nichts mehr voneinander gehört. Wie kommt das? Wo und Wann ist der Kontakt abgerissen? Ob ich mal anrufe? Meist ist da eine gewisse Scheu. Welche Worte soll ich sagen? Wie soll ich begründen, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe? Freut er sich überhaupt, wenn ich mich nach so langer Zeit plötzliche melde?
  Vielen, die lange nicht gebetet haben, stellen sich ganz ähnliche Fragen: Wann und warum habe ich aufgehört zu beten? Oder habe ich nie richtig damit angefangen? Was soll ich sagen und wie erkläre ich Gott mein langes Schweigen? Freut er sich, wenn ich mich nach so langer Zeit melde?
  Liebe Gemeinde, die Bibel ist voll von Hinweisen darauf, dass Gott mit offenen Armen da steht und sich freut über den, der sich zu ihm wendet. Wenn wir den Faden des Gebetes wieder aufnehmen, da kriegen wir keine Standpauke, da müssen wir uns nicht erklären, da hören oder spüren wir nur eines, nämlich das Gott sagt: Mein Sohn, meine Tochter, schön das du da bist! Und endlich haben wir Zeit füreinander. Jesus sagt: Da wird Freude im Himmel sein über einen, der die eigenen Wege mal ruhen lässt um sich auf Gott auszurichten!(Vgl. Lk 15,7) Und während du im Adressbuch blätterst, da fällt dir auch die Vorwahl Gottes ins Auge, die lautet: „Vater unser im Himmel…“ Mehr Einleitung, mehr Anrede braucht es nicht.
  Und Beten ist lebenswichtig, gerade in unserer Zeit. Ich möchte das mit einer Geschichte deutlich machen: "Eine Fabel erzählt von einem Vogel, der sich so wichtig nahm, dass er meinte, ohne ihn würde die Welt untergehen. Er lag darum ständig auf dem Rücken und streckte die Beine starr gegen den Himmel. Ein anderer Vogel beobachtete das, flog herbei und fragte ihn: – Warum machst du das? Liegst so merkwürdig auf dem Rücken und streckst deine Beine nach oben? – Es ist so, sagte der andere, ich trage nämlich den Himmel mit meinen Beinen. Würde ich sie nur einen Moment lang wegziehen und loslassen, dann würde das ganze Himmelsgewölbe einstürzen. – Aber kaum hatte der Vogel das gesagt, löste sich ein Blatt vom Baum und raschelte dicht neben ihm ins Gras. Da bekam der Vogel einen solchen Schreck, dass er seine Beine einzog und erschrocken davonflog. Der Himmel aber, so endet die Fabel, wölbte sich weiterhin über die Erde."(4, S.37)
 
Gleichen wir nicht dem Vogel und meinen, alles selbst am Laufen halten zu müssen? Das denken wir gesellschaftlich im Blick auf Klimawandel, Energiewende und Beendigung von Kriegen; das denken wir aber auch ganz persönlich. Ich kann mich endlos mit dem beschäftigen, was noch nicht erledigt ist, könnte in Selbstkritik zerfließen, "wo ich besser, gelassener, liebender und geduldiger etc. hätte sein können... In gleicher Weise könnte ich bei meinen Mitmenschen weitermachen. Auch sie könnten liebenswürdiger, unkomplizierter, entgegenkommender und verständiger sein: in meiner Arbeit, in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, in meiner Gemeinschaft, in der Kirche und in der Welt."(5, S.90) Da gibt es so viel zu verbessern, da liegt so viel im Argen. "Mein ganzes Leben könnte ich damit zubringen, mich damit zu beschäftigen, was anders und besser sein könnte."(5, S.90f) Der eine zieht sich da resigniert zurück, der andere läuft zu Hochform auf und beginnt den Himmel mit seinen Beinen zu tragen. Doch das geht nur so lange, bis es in der Weltgeschichte oder im eigenen Leben "raschelt" und wir erschrocken die Beine einziehen…
  Das Gebet bringt hier eine entscheidende Blickänderung mit. Ich breche aus dem "inneren Gefängnis"(5, S.90) der Selbstbeschäftigung und Selbstbezogenheit und schaue zum Himmel, zu Gott. Beim Beten wird mir klar: nicht ich trage den Himmel, sondern der Himmel schaut freundlich auf mich und trägt mich. Diese Blickänderung, diese bewusste Öffnung gegenüber Gott nimmt enormen Druck von den eigenen Schultern. Nicht ich muss die Welt retten, das hat Gott in Jesus Christus schon getan. Nicht ich muss mich zu einem liebenswerten Menschen machen, indem ich brav die Erwartungen aller anderen erfülle, sondern ich bin längst schon von Gott geliebt und tauche im Gebet ein in diese Liebe und werde so wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Ich trete aus dem Kreisel des immer Leistenmüssens hinaus in die Gegenwart Gottes, in der ich einfach da sein darf, hier und jetzt. „Vater unser im Himmel…“
 
Ich erinnere mich da auch an Tante Erna aus Bremerhaven – die hieß übrigens wirklich so – wir waren als Familie bei ihr zu Besuch, genauer gesagt bei meinem Opa, der im Krankenhaus lag. Und dann war ich als 16-jähriger mit ihr allein auf einer Ladenstraße unterwegs. Plötzlich fing es an zu regnen und wir flüchteten uns in einen überdachten Geschäftseingang. Tante Erna war nachdenklich, weil es meinem Opa nicht gut ging und sie sagte den Satz: „Am Ende müssen wir doch immer allein kämpfen.“ Damals wusste ich nichts darauf zu sagen; heute würde ich ihr gern vom Gebet erzählen und der Gewissheit, dass wir bei keinem unserer kleinen und großen Kämpfe allein sind. Dass wir betend die Hand nach dem ausstrecken können, der uns an der Hand hält und uns nicht loslässt, bis an der Welt Ende.
  Und nicht umsonst heißt eine der ersten Bitten: „…Dein Wille geschehe.“ Für den Moment des Gebetes überlasse ich mich Gott.(5, S.83) Nicht mein Wille steht da im Zentrum, denn da ist ja ein Wollen in mir, das nie aufhört, das mich ständig umtreibt. Beten heißt, sich mit dem, was mich umtreibt Gott zu überlassen und damit einen heilsamen Abstand zu gewinnen zur Wunschfabrik im eigenen Herzen. Beten wie es in der Liedstrophe heißt: „Herr, ich komme zu dir und ich steh vor dir so wie ich bin. Alles, was mich bewegt, lege ich vor dich hin. Meine Sorgen sind dir nicht verborgen, du wirst sorgen für mich. Voll Vertrauen will ich auf die schauen, Herr ich baue auf dich.“(Abert Frey, Glaubenslieder 367)
 
Doch wie fangen wir´s an? Vielleicht erinnert sich mancher noch: früher gab es noch Telefonzellen. Und noch weiter zuvor, noch ehe die Menschen Telefon zu Hause hatten und die Telefonzellen gelb wurden, da stand auf den Telefonzellen die Aufforderung: „Fasse dich kurz!“ Vermutlich lag das eben an den wenigen Telefonzellen und an dem kleinen Netz. Lässt sich das auch auf das Gebet übertragen? „Fasse dich kurz!“? Ja und nein. Nein, denn Gott hat für uns Menschenkinder keine begrenzte Netzkapazität, wir brauchen uns nicht künstlich kurz halten, weil wir einem anderen sonst Gottes Aufmerksamkeit wegnehmen. Und: Kurz fassen, Ja, denn Jesus sagt ja: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Wir brauchen keine langen Satzungetüme bilden, wir brauchen Gott nicht wortreich überreden wie ein Staubsaugervertreter, der solange auf den anderen einredet, bis der ihm etwas abkauft. Es geht beim Beten auch nicht um Vollständigkeit, so als wäre Gott zwei Jahre außer Landes gewesen und wir müssten ihm mit der Fülle unserer Bitten für Gesellschaft, Welt und Kirche wieder auf den aktuellen Stand bringen.(1, S.113) Bei Gott gilt: „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“
 
Wofür darf ich eigentlich beten? Nun, als 13-jähriger habe ich zum Beispiel für Fußball gebetet. Das war 1990 und Deutschland ist damals Weltmeister geworden. Ich will nun nicht behaupten, dass das mit mir zu tun hatte, aber mir gefällt der Gedanke ;- ) Heute bete ich so nicht mehr für Fußball, vielleicht auch deshalb um mir diese einmalige Erhörungs-Bilanz nicht zu vermiesen. – Mal im Ernst. Ich bete auch heute noch, und für Fußball vor allem, wenn ich selbst einmal auflaufe; da aber sind meine Gebete sind sozusagen erwachsener geworden. Ich weiß inzwischen, dass Gott nicht der Wunschautomat ist und auch nicht der Erfüllungsgehilfe meiner Vorhaben. Wenn ich für Fußball bete, dann dreht es sich nicht mehr um Sieg oder Niederlage, sondern darum, dass sich niemand verletzt und dass ich einen Blick für meine Mitspieler habe. Hat Gott dem 13-Jährigen damals das Beten für die Nationalelf übel genommen? Ich denke nicht. Wir können und dürfen ihm sagen, was wir auf dem Herzen haben, wir brauchen damit nicht hinterm Berge zu halten. Freilich sollte immer gelten: „…Dein Wille geschehe…“.
  Liebe Gemeinde, es gäbe noch so viel aus dem Schatzkästlein des Gebetes hervorzuholen. So betrachtet ist es unerklärlich, warum wir es so selten öffnen. Ich möchte uns Mut machen, die Blickrichtung immer wieder bewusst auf Gott zu lenken, allein und in der Gemeinschaft. Ich möchte dich ermutigen beim Beten vom Reden auch ins Hören zu kommen. Ich möchte dich ermuntern kreativ zu werden. Es braucht nicht die gefalteten Hände, die geschlossenen Augen und die vorformulierten Worte. Du kannst einen Bibeltext mehrmals lesen und Gott bitten, dir aufs Herz zu legen, was für dich dran ist. Du kannst einen Gebetsspaziergang machen, vor Häusern stehen bleiben, von denen du weißt, dass da manche Not und manches Ach wohnt; du kannst Zeilen an Gott schreiben wie einen Brief und in deine Bibel legen, du kannst zum Abendgebet dienstags hier in die Kirche kommen, du kannst deinen persönlichen Ort finden. Es gibt so viele Möglichkeiten! Solange nur die Adresse stimmt: „Vater unser im Himmel…“

Amen.


Verwendete Literatur:

(1) Klaus von Mering, Kann man/muss man beten lernen? - Matthäus 6,7-13, in: Ders. Weiter Horizont und darüber hinaus. 52 Predigten von der Insel Langeoog, Hamburg 2021, S.112-117.
(2) Vgl. Artikel vom 10.4.2024 unter:  https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/dresden-radebeul/ramadan-zuckerfest-fasten-brechen-100.html (letzter Aufruf 5.5.2024)

(3) Peter Hahne, Interview am 13.12.2018, zu finden unter: https://www.westfalen-blatt.de/owl/kreis-minden-luebbecke/stemwede/weihnachten-ist-mehr-als-kommerz-1224288 (letzter Aufruf 5.5.2024) Wahrscheinlich ist das Zitat eine Abwandlung des Ausspruches von Peter Scholl-Latour: "Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes." vgl.: https://gutezitate.com/zitat/100636
(4) Klaus Nagorni, Zum Frühstück ein Stück Himmel. Gedanken zum Wachwerden, Leipzig 2023.
(5) Karin Seethaler, Die Kraft der Kontemplation. In der Stille heilung finden, Würzburg 20225.
(6) Karin Seethaler, Der Weg der Kontemplation. Einfach, aber nicht immer leicht, Würzburg 2021.

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Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
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Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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