Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen. (Jesaja 60,18)


Mehr Demut wagen

Eine Predigt zu Psalm 85 - vom 7.11.2021

Predigt am 7.11.2021 in Großschönau und Hörnitz - Pfr. Gerd Krumbiegel

Predigttext: Psalm 85
1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen. 2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und all ihre Sünde bedeckt hast; 4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: 5 Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! 6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? 7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. 10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; 13 dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; 14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

 

Liebe Gemeinde,
in Psalm 85 heißt es: „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass Ehre in unserem Land wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ – Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.
   Was für eine schöne Zukunftsvision: Wie von vier Personen ist hier die Rede von Güte und Treue, die sich begegnen und von Gerechtigkeit und Friede die sich küssen. Über dem Eingang des Schlosses Friedenstein in Gotha,1 da haben es die beiden zuletzt Genannten schon geschafft. Da sind Gerechtigkeit und Friede in Gestalt zweier Frauen zu sehen, die eine mit Waage und Schwert in der Hand, die andere mit dem Palmzweig. Darüber der Satz, der sich nur in altem Deutsch richtig reimt: „Friede ernähret Unfriede verzehret.“ Hier also liegen sie sich in den Armen. Dieses Bild, dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen, es ist durch die Jahrhunderte hindurch verständlich geblieben, und es ist auch ein Sehnsuchtsbild geblieben. Vielleicht wird es sich erst eines Tages in Gottes Zukunft wirklich erfüllen, doch eine Spur der Hoffnung ist damit schon heute gelegt. Die Hoffnung, dass es Nahrung, Obdach und ärztliche Versorgung für alle Menschen gibt. Dieses Bild ist eine Vision, die richtungsweisend ist, die wir aus eigener Kraft nicht bis ins Letzte erfüllen können und die uns doch mahnt, weiterzugehen und nicht zu meinen, wir seien schon am Ziel.
   Auch im Psalm selbst steht diese Vision nicht am Anfang, sondern hat einen längeren Weg hinter sich. Psalm 85 beginnt mit einer Rückschau auf das, was Gott schon getan hat: „Herr, der du vormals gnädig gewesen bist deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast; der du vormals all deinen Zorn hast fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: hilf uns, Gott, unser Heiland und lass ab von deiner Ungnade über uns.“
   Dreimal sticht beim Hören das Wort „vormals“ heraus. Vormals, das ist jedenfalls nicht heute. Also wird Gott hier an seine Wunder, an seine Rettungstaten erinnert. Offenbar muss er aus Sicht des Beters erinnert werden, weil seine Gegenwart dunkle Züge trägt und Gottes Eingreifen vermissen lassen. Und indem Gott erinnert wird, erinnert sich zugleich der Mensch und der schöpft aus dem, was war Zuversicht; denn er ahnt, was Gott einmal tat, das kann er wieder tun. So wird aus der Gotteserfahrung neue Gotteserwartung. Schön zusammengefasst ist diese Haltung aus Rückschau und Vorschau, aus Dank und Hoffen, in dem deutschen Wörtlein „einst“2. Einst, das kann eine Vergangenheit und zugleich die Zukunft meinen. „Einst wart ihr Finsternis, nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ (Eph. 5,8 Elberfelder Üs) schreibt Paulus an die Christen in Ephesus. Es bedarf einer kleinen Änderung und aus der Vergangenheit wird Zukunft. Bei Jesaja (27,6) heißt es: „Es wird einst dazu kommen, das Israel blühen und grünen wird.“
   Die Frage ist nur, wer diese „kleine“ Änderung mit so großer Wirkung herbeiführt. Wir Heutigen würden nicht zögern, die Antwort bei uns selbst und unseren Möglichkeiten zu suchen. Sowohl im Blick auf die gegenwärtige Pandemie wie im Blick auf den Klimawandel steht ja ganz der Mensch mit seinem Können im Fokus. Da handeln und reden wir als ob es Gott nicht gäbe, als ob alles an uns läge. Wir handeln so, als würden wir mit der Band Karat singen: „Uns hilft kein Gott, diese Welt zu erhalten.“ Hier stünde uns Demut an, die damit beginnt, zwar alles zu geben, aber nicht alles von sich zu erwarten; anzuerkennen, dass es Dinge gibt, die größer als man selbst, Gegebenheiten, die nicht einfach in den Griff zu bekommen sind. Der Psalmbeter macht es vor, er erwartet die Wende von Gott. Nachdem er Gott und sich selbst an das Einst der Vergangenheit erinnert hat, wendet er den Blick nach vorn: „Hilf uns Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann?“
   So sieht also die Gegenwart des Beters aus: Ungnade, Zorn und unerquickliche Zeiten. Wieder etwas, an dem wir uns heute reiben! Wie kann man vom "zornigen Gott" spre-chen? Ist das nicht der Gott des Alten Testaments? Ist seitdem Jesus zu uns kam, Gott nicht auf seine Liebe und Güte festgelegt? – Das ist ein Trend, der sogar vor dem Gesangbuch nicht Halt macht: Wenn wir nachher die Vertonung des Psalms singen, gedichtet von Paul Gerhardt wenige Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges(!), da wurde in der Auswahl der Strophen, die abgedruckt wurden, kurzerhand die mit dem Zorn Gottes weggelassen, wo es heißt:
  Lösch aus, Herr, deinen großen Grimm,
  Im Brunnen deiner Gnaden,
  Erfreu und tröst uns wiederüm
  nach ausgestandnem Schaden.
  Willst du denn zürnen ewiglich
  Und sollen deine Fluten sich
  Ohn alles End ergießen?
Wer aber – wenn auch aus noch so verständlichen Gründen – den Zorn Gottes unter den Tisch fallen lässt, dem wird das Wort Gnade über kurz oder lang auch nichts mehr sagen.
Dass Jesus Christus gekommen ist, heißt nicht, dass Gott nicht mehr zornig sein könnte, so wie einer, der im Begriff ist, fotografiert zu werden und deshalb gezwungenermaßen nur noch lächeln kann. Mit dem Kommen von Jesus Christus wird vielmehr deutlich, dass der Zorn Gottes nicht sein letztes Wort ist. Und wer wollte mit letzter Sicherheit sagen, dass die Bedrohungen, vor denen wir gegenwärtig stehen, ihre Ursache nicht auch darin haben, dass Gott zu dem, was wir ohne ihn oder sogar gegen ihn tun, schweigt? Wer möchte mit letzter Gewissheit sagen, dass Gott über den Raubbau an seiner Schöpfung und über die Ungerechtigkeit unter seinen Menschenkindern nicht zornig ist?
  Nach diesem langen Weg der unterschiedlichen Erfahrungen mit Gott, steht am Ende des Psalms die Vision einer großen Hoffnung: „Könnte ich doch hören, was Gott, der Herr, redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.“
   Gott fürchten heißt, ihn als den zu ehren, der Möglichkeiten hat weit über unsere Möglichkeiten hinaus; heißt sich verantwortlich zu wissen noch vor einer anderen Instanz als dem eigenen Gewissen; heißt Vergebung von ihm erbitten, weil wir uns nicht selbst entschuldigen können.
   Und fast wie nebenbei erkennt der Psalmbeter schon vor dreitausend Jahren, dass heilvolle Zustände nur dort entstehen, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, also wo beides zusammenbleibt. Denn dort, wo Ungerechtigkeit in einer Gesellschaft überhandnimmt, da stirbt erst der soziale Friede und dann auch der politische. Und dort, wo Konflikte mit Waffengewalt ausgetragen werden, da stirbt neben der Wahrheit zuerst die Gerechtigkeit. Beide, Gerechtigkeit und Friede müssen zusammenbleiben, wie auf dem Eingang des Gothaer Schlosses dargestellt.
  Ein Letztes: vor nun fast 40 Jahren hat in den Kirchen ein Weg begonnen, der drei Hauptmerkmale und -ziele umfasst, und zwar: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Diese drei gehören nicht grundlos zusammen. Wahrnehmen konnten wir in der politischen Auseinandersetzung zuletzt freilich nur noch eine davon, nämlich noch Letztere. Wobei das Wort Schöpfung gegen den eher unpersönlichen Klimawandel ausgetauscht wurde. – So hehr und wichtig das Ziel ist, eine verhängnisvolle Klimaentwicklung zu stoppen. Wichtige Fragen sollten von unserem Psalm her hinzugezogen werden: Die Frage nämlich, was in unserer Macht steht und was nicht. Wenn wir Bewahrung der Schöpfung nicht ebenso sehr erbitten wie wir dafür eintreten, wird es nicht gelingen. Eine andere Frage ist die nach der Einseitigkeit unserer Ziele: Dort, wo die Bekämpfung des Klimawandels alles andere einebnet, da entstehen neue Ungerechtigkeiten, da fallen eben Gerechtigkeit und Frieden, Treue und Güte auseinander. Zu ahnen ist das nicht nur in dem Platz, den das Thema gegenwärtig einnimmt und wenn wir darauf schauen, wer eigentlich zu welchen Anteilen die finanziellen Lasten der neuen Klimapolitik trägt; sondern zu ahnen ist das auch in dem wohl geplanten Klimaministerium, das anscheinend mit einem Vetorecht gegenüber allen getroffenen Entscheidungen ausgestattet werden soll. Und es muss mit Blick auf Psalm 85 gefragt werden, ob dabei langfristig Gerechtigkeit und Frieden einander küssen.
  Liebe Gemeinde, was der Psalmist uns ahnen lässt, es ist auf dem Friedensschloss in Gotha schon zu sehen. Und wenn es schon an einer schlichten Häuserfassade zu sehen ist, sollte es Gott nicht möglich sein, dem bei uns Wirklichkeit zu verschaffen? Der Beter würde uns antworten: Doch! „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten.“
Amen.
Und der Friede Gottes…

 

1 Gefunden in: Evangelischer Lebensbegleiter, Hgg. Dennerlein/Rothgangel, S. 306.
2 Dazu hat Thomas Mann in: „Joseph und seine Brüder“ sehr schöne Überlegungen angestellt.

Verwendete Literatur: Alexander Deeg, Göttinger Predigtmeditationen, 75. Jahrgang, Heft 4, S. 535-541.

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