Herr, vor dir liegt all mein Sehnen, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen. (Psalm 38,10)


Mit Geschichten in die Osterwoche

Donnerstag: Es bleibt aber die Liebe

Liebe Gemeindeglieder und Gäste,
Heute finden Sie hier eine längere Geschichte, die die Ereignisse von Ostern ins Heute überträgt. Die Anklänge an Johannes im 20. Kapitel sind deutlich. Zugleich werden in dieser Geschichte gängige Meinungen bzw. Ansichten über Trauer auf heilsame Weise hinterfragt. Und je länger je mehr weicht die Nacht der Trauer mit dem neuen Morgen auch Ostern. Herzlich grüßt Sie, Ihr Pfr. Gerd Krumbiegel

Es bleibt aber die Liebe

Es war noch früh, als sie aufbrach. Der Morgen war nicht mehr als ein blasser Schimmer über dem Hügel. Sie brauchte kein Licht. Ihre Füße waren den Weg so oft gegangen, dass sie ihn auch im Dunkel fand. Das Haupttor am oberen Eingang war noch verschlossen. Aber sie wusste, dass der schmale Eingang auf der Südseite auch in der Nacht offen war. Das kleine Tor quietschte in den ungeölten Angeln. So war es jeden Morgen. Als sie den Friedhof betrat, fächerten sich die Silhouetten der Grabsteine vor ihr auf. Wie riesige Bauklötze, die ein Kind in Reih und Glied aufgerichtet hatte. Ihre Füße fanden den schmalen Weg durch die Reihen, bis sie vor seinem Grab stand. Die Osterglocken waren aufgegangen; ihre Blüten malten helle Gesichter, die blass aus dem Dunkel schauten. Sie blieb ein paar Minuten vor dem Grab stehen, die Hände gefaltet. Manchmal fragte sie sich, warum sie wie von selbst die Hände faltete. Zum Beten fehlten ihr schon lange die Worte und die Gewissheit, dass einer zuhörte. Die Wörter, die sich in ihr formten, wandten sich nicht an den Gott, der ihn hatte sterben lassen. Sie wandten sich an den Toten, und manchmal glaubte sie, dass er sie hören konnte. Du fehlst mir, waren die Worte, die in ihr flüsterten. Wo bist du?

Einige Minuten stand sie reglos vor dem Grab. Ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Aus dem Dunkel, das die kleine Halle inmitten des Friedhofes noch umhüllte, löste sich ein Schatten. Er ging in ihre Richtung. Als er näher herangekommen war, erkannte sie, dass es ein Mann war, der eine Schubkarre vor sich herschob. Es war seltsam. In dieser Herrgottsfrühe, an solch einem Tag. Als er näher kam, lösten sich seine Züge aus dem Dunkel. Er war jung. Sie kannte ihn nicht. Aber sie kannte keinen von denen, die hier arbeiteten. Sie mied die Zeiten, in denen andere auf dem Friedhof unterwegs waren. Sie überlegte, ob er hier vielleicht Sozialarbeit tat. Irgendetwas an ihm ließ sie an die jungen Straftäter denken, die mit ihren Anwälten bei ihr im Büro die Formulare und Anweisungen abholten, die ihren Sozialdienst regelten. Nun hatte er sie bemerkt. Er blieb stehen und sah zu ihr rüber. Dann kam er langsam näher. Sie hoffte, er würde einfach an ihr vorbeigehen, aber er blieb stehen, wenn auch mit respektvollem Abstand.

Ist das Ihr Mann?, fragte er nach eine Weile. Sie nickte nur. Dann war es wieder still. Sie wartete, dass er endlich weiterging. Er war noch nicht alt, sagte der junge Mann. Sie nickte wieder und spürte, wie eine Woge Tränen in ihr aufstieg. Ja, er war noch nicht alt gewesen. So viele Jahre waren ihnen gestohlen worden, Jahre, die fehlten und um die sie trauerte. Der junge Mann schwieg. Wenn er doch nur weiterginge. Stattdessen kam er näher, bis er neben ihr stand. Sie sind traurig, stellte er fest. Sie sah ihn an. Der junge Mann hatte blonde weiche Locken und ein hübsches Gesicht. Bestimmt mochten die Mädchen ihn. Wie heißen Sie, fragte er. Sigrid, sagte sie. Ich bin Tom, sagte der junge Mann. Schweigend standen sie nebeneinander und sahen auf das Grab. Dann ging er in die Knie und häufelte ein wenig Erde um die Zwiebeln zweier hoch hinausstehender Osterglocken. Vielleicht war er doch ein Gärtner. Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er: Er ist seit drei Jahren tot.

Sigrid glaubte sofort, einen Vorwurf zu hören. Mein Therapeut sagt das auch, sagte sie. Dass ich endlich aufhören solle traurig zu sein. Dass drei Jahre reichen. Er meint, ich müsse ihn endlich loslassen.

Was für ein Unsinn, sagte Tom. Überrascht sah Sigrid ihn an. 

Es ist Unsinn, sagte Tom schließlich, dass man die Toten loslassen muss. Wenn Sie in sich hineinhorchen, wissen Sie das doch ganz genau: Ihn loslassen ist das Letzte, was Sie wollen.

Sigrid sagte nichts, aber sie wusste, dass er Recht hatte. Erik loslassen war das Letzte, was sie wollte. Sie wollte ihn noch bei sich haben, mittendrin in ihrem Herzen, in ihrer Seele und auch in ihren Gedanken.

Ja, so ist das, sagte Tom, der sich von ihrem Schweigen offenbar nicht entmutigen ließ. Manche glauben, es geht besser, wenn man vergisst. Aber so ist das nicht. Sie dürfen Ihren Toten ruhig weiter lieben. Sie dürfen ihn in ihrem Herzen behalten. Sie müssen ihn nicht wegschicken, er darf ruhig noch weiter ein Teil Ihres Lebens sein. Ganz nah.

Mein Arzt sagt, dann werde ich depressiv.

Ach, sagte Tom. Traurig sind Sie, wenn Sie zu all dem Kummer, den Sie schon haben, sich auch noch den Kummer machen, Ihren Toten vergessen zu wollen. Die Liebe darf bleiben.

Sigrid spürte ein großes Staunen in ihr aufgehen. Das war so schlicht, das war so einfach, das war so wahr. Sie hatte es ja geglaubt, dass Loslassen die einzige Möglichkeit war, dass es ihr irgendwann besser ging. Weil sie es so oft gehört hatte, immer wieder. Du musst endlich loslassen. Der Pfarrer hatte es gesagt und ähnlich auch ihr Hausarzt, bevor er sie zu dem Therapeuten überwies. Ihre Bekannten. Sogar ihre Tochter, der der Vater doch auch fehlte. Sigrid wusste, dass Tom Recht hatte. Sie durfte Erik weiter lieb haben. Er durfte immer noch ein Teil ihres Lebens sein. Er würde immer in ihrem Herzen und in ihrer Seele wohnen. Sigrid fühlte sich wie ein Kämpfer, der im letzten Augenblick erfährt, dass der Kampf abgesagt ist. Sie ließ die Waffen und die Rüstung fallen. Sie lächelte.

Tom schaute sie offen an. Wissen Sie, fragte er, welcher Tag heute ist?

Ja, natürlich, sagte Sigrid jetzt wieder vorsichtig.

Ostern, sagte Tom. Denken Sie manchmal daran. Die Toten gehen nicht verloren. Er nahm seine Schubkarre und ging davon. Sigrid starrte ihm nach, bis er in der Allee verschwand. Sie zog den Mantel enger um sich. Es war kalt, aber nun ging die Sonne auf. Das Licht tat so gut. Es duftete nach Frühling. Sigrid lauschte auf das Singen der Vögel. Staunend nahm sie wahr, wie schön der Morgen war.

Zwei junge Mädchen kamen den Weg herunter. Sie trugen Instrumentenkoffer auf dem Rücken. Die eine hatte ganz helle strohblonde Haare, die andere rabenschwarze. Die Dunkle erinnerte Sigrid an ihre eigene Tochter, so ähnlich hatte sie ausgesehen damals als Teenager. Jetzt war sie verheiratet und hatte selbst eine kleine Tochter. Auf der Wiese machten die Mädchen Halt, ließen umstandslos ihre Koffer ins feuchte Gras fallen und holten zwei Posaunen hervor. Das dunkle Mädchen hob das Instrument an die Lippen und begann zu spielen, die kräftigen Töne ließen die Stille des Morgens platzen wie eine Seifenblase. Sigrid kannte die Melodie. Christ ist erstanden, die Worte formten sich in ihrem Innern. Das helle Mädchen hob ebenfalls die Posaune an die Lippen, aber sie musste so sehr kichern, dass sie das Instrument wieder absetzte. Das Lied war wie ein Lockruf, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters kamen mit ihren Instrumentenkoffern, ordneten Noten, hauchten in die kalten Hände, und nach wenigen Minuten stand ein Posaunenchor vor der Trauerhalle. Andere kamen von den verschiedenen Eingängen des Friedhofs herbei, Menschen, die zuhören wollten, es waren nicht viele, vielleicht zwei Dutzend. Auch Sigrid kam zögernd näher. Sie sah sich nach Tom um, aber er war nirgends zu sehen. Sigrid blieb am Rand der kleinen Zuhörerschar stehen. Ein paar Meter entfernt sah sie eine Frau aus der Nachbarschaft, die ihr erfreut zuwinkte. Die nahe Kirchturmuhr schlug, und der Chor begann zu spielen. Ernste und feierliche Choräle, fröhliche und beschwingte Osterlieder, ein Frühlingslied, die meisten kamen Sigrid bekannt vor, aber nicht zu jedem fielen ihr Wörter ein. Dann setzten die Musiker die Instrumente ab und steckten sofort die Hände in die Manteltaschen. Der Chorleiter trat nach vorne; er war ein Mann mittleren Alters, sichtbar verlegen, vermutlich fiel ihm das Musizieren leichter, als das Wort an die Zuhörer zu richten, die ihn erwartungsvoll anschauten.

Unser Pfarrer, fing der Mann an, ist heute Morgen auf dem Waldfriedhof und hält dort mit dem Kirchenchor die Auferstehungsfeier. Darum hat er mich gebeten, ein paar Worte zu sagen.

Er blickte entschuldigend auf die Zuhörerschar und sprach erst weiter, als manche ihm aufmunternd zunickten.

Wir sind jedes Jahr nicht so viele, die frühmorgens auf dem Friedhof zusammenkommen. Aber ich denke jedes Jahr, es sind genau die, die Ostern besonders brauchen. Ich weiß, die meisten von Ihnen haben hier auf dem Friedhof ein Grab, das sie heute Morgen besuchen, und ein Grab, das bedeutet ein Mensch, der Ihnen fehlt. Ich weiß auch, dass manche von Ihnen einen schweren Winter hinter sich haben, mit langen Abenden, an denen man sich sehr einsam fühlen kann. Aber jetzt sind wir hier, an dem Ort, an dem auch das erste Ostern stattgefunden hat, auf einem Friedhof, wo auch damals Menschen hingekommen sind, die sehr traurig waren. Als sie dann weggingen, waren sie getröstet und fröhlich und hatten sogar den Mut gefunden, anderen von ihrer neuen Hoffnung zu erzählen. Wir machen auf dem Friedhof für Sie Musik, weil wir uns wünschen, dass Sie auch etwas Trost und Freude und neuen Mut finden, wenn Sie die Botschaft hören, die damals gesagt wurde und die auch heute gilt: Jesus Christus ist vom Tode auferstanden, damit wir nicht dem Tod gehören, sondern dem Leben. Darum feiern wir Ostern.

Er machte eine Pause und blickte etwas verwirrt auf die Zuhörer, dann sagte er lauter:

Jesus Christus ist auferstanden, und manche antworteten: Er ist wahrhaftig auferstanden. Sigrid spürte, wie eine Ahnung von Trost und Freude in ihr hochstieg. Die einfachen Worte hatten ihr gutgetan, wie klares Wasser guttut gegen den Durst. Das Mädchen mit den dunklen Haaren trat zu ihr und reichte ihr eine kleine Kerze; Sigrid barg die Flamme schützend zwischen ihren Händen. Sie würde es nachher zum Grab tragen. Dann setzten die Musiker ihre Instrumente wieder an und intonierten „Christ ist erstanden“, und alle stimmten in die Worte mit ein, auch Sigrid, die aus tiefster Seele sang und dabei dachte: Es ist Ostern, auch für mich.

Monika Lehmann-Etzelmüller, zu Johannes 20,(1).11-18

(Aus: Pastoralblätter 2013, Heft 3, S. 200ff.)

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